Cholmer Land    -        Torf, Sand, Wälder, Holzhäuser, Windmühlen ....  
                                                                        

                                                                                                                                                                                                                      

                   ...  wie in einer anderen Welt - Cholmer Land

 

    "arbeiten"

Der Erste arbeitet sich zu Tod, der Zweite leidet auch noch Not und erst der Dritte - der hat Brot.

Dies war ein bekannter Spruch aus der damaligen Zeit. Ein Zeitzeuge, Sigismund D. *1921,  drückte es so aus: "Die einen hatten wenig, und die anderen hatten noch weniger, reich war dort niemand". Und man bedenke, daß es bis zur Umsiedlung 1940 in vielen Dörfern, so wie   in Kulczyn und Wojciechow, keinen elektrischen Strom und keine Wasserleitungen gab. Das Verkehrsmittel Nr. 1 war das Pferdefuhrwerk. Als Beleuchtung diente die Petroleumlampe, mit Torf wurde überwiegend geheizt, der mühsam von Hand gestochen und getrocknet werden musste, und aus Hausbrunnen schöpfte man jegliches Wasser. Selbst nach dem 1. Weltkrieg wurden noch mit dem Dreschflegel die Körner aus den Ähren geschlagen, eine anstrengende Arbeit, ebenso das Mähen des Getreides mit der Sense und das Binden der Garben. Die Kartoffeln wurden mit der Hacke aus dem Boden geholt, so wie auf diesem seltenen Bild Menschen bei der Arbeit zu sehen sind: 

 

Sicherlich kam es darauf an, wie viel Land jemand besaß und von welcher Qualität es war, ob er eine glückliche Hand bei der Viehhaltung hatte, ob er ein guter und fleißiger Bauer war und ob das Wetter ihm keine Ernte vernichtete und Frau und Kinder all seine Bemühungen unterstützten. Jedoch darf man sagen, dass das Cholmer Land, im Vergleich zu anderen Landstrichen eine ärmliche und kaum bekannte Region,  "eine andere Welt" war.

Es fehlte eine nennenswerte Industrie, die Ursache für die spärliche wirtschaftliche Entwicklung. Die vorherrschende Landwirtschaft brachte aufgrund der schlechten Bodenqualität, wie schon erwähnt, geringe Erträge. Als weiteren Faktor sind die oft kleinen Höfe zu nennen. 

Im Bericht der Einwanderungszentralstelle (EWZ) über das Dorf Kulczyn, der anläßlich der Umsiedlung im Jahre 1940 erstellt wurde, sind folgende Zahlen zur Größe der Höfe und der Bodengüte genannt:

"Die deutsche Ansiedlungsgesellschaft hat 50 Höfe mit 285,5 ha taxiert mit Betriebsgrößen von:

2 Höfe zu 0 ha
3 Höfe zu 0,5 - 2 ha
23 Höfe zu 2 - 5 ha
11 Höfe zu 5 - 7,5 ha
5 Höfe zu 7,5 - 10 ha
5 Höfe zu 10 - 19 ha
1 Hof zu 20 - 50 ha

...  Bodengüte: halb gut, halb sandig, etwas Sumpf, zum kleinen Teil Waldboden und baumfreie Wüsten."

 Durch den Ertrag aus der Viehhaltung, niedrig gehaltene Kosten, unermüdlichen Fleiß und auch handwerkliches Geschick schufen die deutschen Siedler im Cholmer Land trotz dieser widrigen Umstände Höfe, von denen sie leben konnten. 

Die Häuser aus Holz waren eher klein und bescheiden und hatten einen Grundriss von ca. 4 mal 8 Meter. Die Wände wurden aus Balken in einer Dicke von 10 bis 12 cm erstellt, an den Ecken verzahnt und von außen meistens mit Bretter verschalt. Das Dach bestand aus Sparren, Dachlatten und etwa 20 cm dicken Strohschichten. Wenn der Wind keinen größeren Schaden anrichtete, hielten die Dächer durchaus 20 Jahre.

Haus von August Witkowski in Kulczyn ~ Aufnahme: 193x

 

Der Ofen war gleichzeitig Heizofen und Kochstelle und wie die Kamine mit Lehmziegeln oder mit gebrannten Ziegeln gemauert. Der Fußboden bestand aus einem einfachen Bretterboden, um den Herd herum war wegen der Brandgefahr Lehmboden. Neben dem Wohnhaus war meistens direkt der Stall, daneben ein Schuppen oder eine Scheune sowie ein kleines Häuschen mit einem Backofen. Einzelne Höfe sind in U-Form angelegt worden, wie das Haus von August Friedrich Patzer in Kulczyn.
 

Haus von August Friedrich Patzer in Kulczyn ~ Aufnahme: 193x

 

Wasser holte man aus Brunnen, den fast jeder am Haus hatte oder zusammen mit dem Nachbarn besaß. Die Brunnen wurden anfangs aus Eichenholz, viereckig und verzahnt angelegt, später sind Betonringe für die Einfassung verwendet worden. Die meisten Brunnen waren etwa 4 - 5 Meter tief.  Geschöpft wurde das Wasser entweder mit einer Stange an der ein Haken befestigt war, oder mit einem Ziehschwengel. Oft verwendete man eine Holzwalze, an der eine Kette oder ein Seil befestigt war und zog damit den Eimer aus dem Brunnen. 2004 sahen wir diese Brunnen noch häufig.

Foto links: Brunnen auf ehemaligem Hof von Badke in Wojciechow  ~ Aufnahme: Semmler/Jeske 2004

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Die deutschen Siedler pflanzten überwiegend Roggen und Weizen, etwas Hafer und Gerste, Kartoffeln und Rüben. Ferner hielten sie Pferde, Kühe, Schweine, Gänse, Enten, Puten, Hühner. Die Bauern haben versucht, so viel wie möglich für ihren Bedarf selbst herzustellen. Verkauft wurde in erster Linie Getreide, Butter und auch Schweine.  

„Was der Kolonist außer den eisernen Geräten in seiner Wirtschaft braucht, verfertigt er durchweg selbst:  Wagen, Schlitten, Harken, im Hause die Betten, Spinde, Tische, Stühle, Butterfässer, Truhen, Körbe, Brotschüsseln, Kochlöffel, Kriesel, Mangelhölzer. Frauen und Mädchen sorgen für Wandschmuck (Strohflechtarbeiten), Handtücher, Strümpfe ... Bei alledem zeichnet sich der Kolonist durch eine vielseitige Geschicklichkeit aus, wie man sie selten bei einem Landwirt in Deutschland findet. “ [Kurt Lück [1] Seite 113].

Die Pferde waren damals unentbehrlich. Sie zogen den Pflug, die Egge und den Wagen, wenn Getreide oder Kartoffeln zu transportieren waren oder der Bauer zum Markt fuhr, zum Beispiel nach Wereszczyn, Sawin, Wlodawa oder Chelm. Auf diesen Märkten boten sie ihre Produkte an; sie selbst erwarben vorwiegend Stoffe oder Kleidung. Dort traf man außerdem Verwandte und Bekannte aus den Nachbarorten.

 Gesät haben die Bauern von Hand, ebenso von Hand geerntet. Mit der Sense wurde alles gemäht, ob Gras oder Getreide. Es bildeten sich Gemeinschaften von mehreren Bauern, die sich gegenseitig beim Mähen und Dreschen halfen. Erst einige Jahre nach Ende des 1. Weltkrieges, der in fast allen Orten einen sehr mühseligen Wiederaufbau mit sich brachte, konnten sich die Siedler Dreschmaschinen anschaffen. Angetrieben wurden diese mittels eines Göpels mit zwei bis vier Pferden, die im Kreis geführt wurden. Den Göpel setzte man früher vor allem im Bergbau als Förderanlage ein. Ende der dreißiger Jahre waren vereinzelt Dreschmaschinen mit einem Deutz-Motor auf dem Hof zu sehen. Ganz wenige Bauern konnte sich dann sogar Mähmaschinen leisten:

bei Cycow ~ 193x --- Aufnahme erhalten von Ted Belke,Edmonton - CAN

 

Foto links: Mühle von Wilhelm Richter in Kulczyn - Aufnahme von 1938.

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Sauerteigbrot wurde in jedem Haus gebacken. In Kulczyn mahlte Wilhelm Richter in seiner Bockwindmühle die Körner. Bei dieser Bauart konnte die Mühle vollständig in die jeweilige Windrichtung gedreht werden. Bei den Holländer Windmühlen wird nur das Dach zur Aus-richtung der Windflügel gedreht.

Im Frühjahr und im Spätherbst schlachteten die Bauern ein Schwein. Sie stellten Wurst her und hängten einen Teil des Fleisches in die Räucherkammer. Es war dann immer etwas Speck vorhanden, wenn „Fuscher“ auf den Tisch kommen sollte. Ein damals bei allen Siedlern bekanntes, einfaches Gericht aus Salzkartoffeln, etwas Mehl und Bauchfleisch:

 

" Das Kartoffelwasser nicht ganz abgießen, ein paar Eßlöffel Mehl darüber streuen, kurz abgedeckt stehen lassen, dann Mehl und Kartoffel gut durchstampfen. Das Bauchfleisch würfeln und mit einer Zwiebel in der Pfanne braten, eventuell mit etwas Sahne verfeinern. Den „Fuscher“ auf den Teller geben und darüber das ausgebratene Bauchfleisch, ein Glas Voll- oder Buttermilch dazu.“

Eine Speise die auf vielfältige Art hergestellt und zubereitet werden kann, sind die „Piroggen“. Wenn meine Suche im Internet richtig war, ist es ein russisches Gericht, das auch in Polen und bis nach Tschechien hinein gerne gekocht wird. Es sind Teigtaschen, die entweder mit Sauerkraut und gebratenem Speck oder mit Schichtkäse oder süß mit Heidelbeeren und Kirschen gefüllt werden. Im heißen Wasser werden die Piroggen gegart und je nach Wunsch noch zusätzlich in der Pfanne mit etwas Öl gebraten. 

Ein Gericht muß ich noch erwähnen, nichts Besonderes, aber es wurde in vielen Gesprächen erwähnt, die „Gruschken-Suppe“ - der Name ist abgeleitet von der polnischen Bezeichnung für Birne = Gruszka. Man verwendete für diese Obstsuppe Trockenobst und je nach Belieben etwas Kochfleisch, insbesondere kleine wildwachsende Birnen, die man Gruschken nannte. Angereichert wurde sie mit kleinen Mehlklößen.

Die "Federabende", in manchen Dörfern eine Institution, bedeuteten zwar auch Arbeit, aber nicht nur. Zu den "Federabenden" kam man in einem Haus zusammen, um von den Federkielen die Daunen abzustreifen. Dazu sang man im Chor und erzählte Geschichten. Oftmals vergnügte man sich nach getaner Arbeit bei Musik und einem Tänzchen.

 

     "beten"

Die Siedler gehörten überwiegend der Evangelisch - Augsburgischen Kirche an und waren fleißige Kirchgänger. Gottesdienst wurde von den Kantoren in den Bethäusern vor Ort abge-halten. Selten kamen die Pastoren dorthin. Zur Kirche in Chelm-Kamien, Cycow oder Lublin fuhren die Menschen meist nur zur Trauung. So fuhr das Brautpaar Pacholke-Moser am 23.6.1939 mit dem Pferdewagen, dem damaligen Verkehrsmittel Nr. 1, von Kulczyn zur Trauung nach Cycow in die Kirche.

Brautpaar Otto Pacholke - Lydia Moser auf dem Weg von/nach Cycow ~ Aufnahme: 23.6.1939

Kirchengemeinden der Evangelisch-Augsburgischen Kirche gab es in:

  Lublin seit 1784

  Chelm - Kamien ab 1876

●  Cycow ab 1925 

Pastoren waren: Jonscher, Schoeneich,  Gundlach, Wernitz,  Sterlak, Rutkowski, Fröhlich

 

Wie anstrengend die Amtstätigkeit der Pastoren damals war, zeigt das folgende Zitat von 1922 über Pastor Gundlach:

"Einen großen Teil des Jahres brachte er auf beschwerlichen Bereisungen zu, die ihn von  Kantorat zu Kantorat führten, um überall Gottesdienste zu halten und die verschiedenen pfarramtlichen und geistlichen Geschäfte zu besorgen. Wie manchen Gottesdienst hat er da im Freien gehalten, weil es an entsprechenden Gebäuden noch fehlte. Wie so manchen Tag hat er bald unter heißer Sonnenglut, bald bei strömenden Regen auf elenden Bauernwagen zuge- bracht; wie so manche Nacht mit hartem Lager in der ärmsten Hütte fürlieb nehmen müssen"  [Kurt Lück [1] Seite 109].

Die Kantoren der evangelischen Kirche in den Gemeinden waren neben ihrem Lehramt auch verpflichtet, die kirchlichen Dienste auszuführen, zum sonntäglichen Gottesdienst die Predigt zu lesen, die Kinder zu taufen, den Konfirmanden Unterricht zu erteilen, für den Verstorbenen zu beten und ihm das Geleit zum Friedhof zu geben. Der Pastor konnte aufgrund des meist sehr großen Gebietes, welches er zu betreuen hatte, diese Arbeit gar nicht leisten. 

Durch die Initiative der Kolonisten entstanden in Preußen und in Polen sogenannte Kantorats-schulen, eine aus der Not erwachsene Verbindung von Schule und Kirche, die sich für die Dorfgemeinschaft als zweckmäßig erwies. Der Unterricht wurde in deutscher Sprache abge- halten, gleichzeitig erfolgte auch die Unterrichtung in Religion. Ab 1897 musste aufgrund eines Gesetzes in Kongreßpolen überwiegend in Russisch unterrichtet werden.

Nach dem 1. Weltkrieg wurden die Kantoratsschulen in polnische Schulen umgewandelt.     "Am  2. März 1919 faßte der Ministerrat den Beschluß, die deutschen Schulgemeinden und die beiden Schulverbände am 31. März 1919 aufzulösen " [Adolf Eichler [13] Seite 151]Der Staat übernahm die Schulen, entschied über Verbleib oder Entlassung der Lehrer und führte statt der deutschen die polnische Sprache ein. In den Bethäusern und Kirchen der Evangelisch-Augsburgischen Kirche wurde weiterhin in deutsch gepredigt, und im privaten Bereich wurde deutsch gesprochen. Die Amtssprache war jedoch Polnisch.

Zur Konfirmation habe ich eine kleine Anekdote gefunden, die sich auf den Pastor Wernitz (1890 –1913 in Chelm-Kamien) beziehen soll:

                                                  Wer den Weg besser wußte

In Michelsdorf prüfte der Pastor die Konfirmanden. Da wußte einer auch rein gar nichts. "Na weißt du wenigsten, welcher Weg in den Himmel führt, der breit oder der schmale ? " Als der Junge das auch nicht wußte, stellte ihn der Pastor für ein Jahr zurück. Am nächsten Tag mußte er durch eine Kolonie, wo der Junge gerade mit seinen Kameraden das Vieh hütete. "Kinder, wo ist denn hier der Weg nach Zalucze ? " Da sagt der Konfirmande zum anderen: "Sägg em nüschte. Sägg em nüschte. Jistere wisd e de Wech inne Himma u un`d Jall u hite wet he ne de Wech na Zalucze" [Kurt Lück[1] Seite 169].

Die Menschen trafen sich nicht nur bei den Gottesdiensten, auch zu den Proben des Posaunen- und Kirchenchors, den Hochzeiten, den Beerdigungen, den Missionsfesten. Es gab nämlich kaum ein Kantorat ohne einen Gesangs- und Posaunenchor. Im Jahre 1936 bestanden in allen Gemeinden der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen 306 Posaunenchöre mit 5237 Bläsern [Eduard Kneifel (19) Seite 9].

Posaunenchor Kulczyn - Aufnahme ~1930

 

Nach dem ersten Weltkrieg waren fast alle Bethäuser zerstört worden. In Kulczyn wurde ein neues Haus von den Gemeindegliedern erbaut. Am 19. Juni 1928 weihte es Super-Intendent Schoeneich, Lublin, ein [Eduard Kneifel [19] Seite 126]. 

Posaunen- und Kirchenchor mit Pastor Rutkowski am Bethaus in Kulczyn – Aufnahme 1928-1934

 

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