Die folgende Karte zeigt die Lage des Siedlungsgebietes Cholmer Land innerhalb Polens sowie die wesentlichen Herkunftsgebiete der Siedler. Es grenzt im Osten an die Ukraine (Wolhynien) und an Weißrussland. Der Fluss "Bug" ist hier zugleich Landesgrenze zu beiden Ländern.
Die Siedlungen der deutschen Kolonisten lagen überwiegend in den Kreisen Lubartow, Lublin, Wlodawa und Chelm. Auf der nächsten Karte ist dieses Gebiet mit den Kreisstädten zu sehen. Die ukrainische Bezeichnung Cholm für die Stadt Chelm wird in deutschen Texten und Unterlagen bevorzugt und dort spricht man deshalb vom Cholmer Land.
Es war meist sumpfiges und mooriges, oft auch sandiges Land, durchzogen von kleinen Bachläufen und mit Schilf umwachsenen Seen. Natürlich gab es auch noch große dunkleWälder.
Im Sommer 2004 konnte ich mir mehr ansehen als bei meinem ersten Besuch 1990. Ich empfand es als eine wild romantische Gegend, die vielleicht einen herben Charme hat. Die Umwelt ist noch weitgehend unberührt und an vielen Plätzen eine herrliche Stille ... keine Autobahn im Hintergrund, keine ohrenbetäubenden Tiefflieger und keine qualmenden Industrieanlagen. Ein landwirtschaftlich geprägter Landstrich, wobei der Boden nicht sonderlich gute Erträge verspricht.Es mag von Ort zu Ort unterschiedlich sein. So ist zum Beispiel der Boden inWojciechow sandiger und es gab mehr Moorflächen als in Kulczyn. Beide Orteliegen im KreisWlodawa.
" ... daß zum Beispiel im nördlichen Teil des Cholmer Landes mindestens 40, in zahlreichen Einzelfällen 80 Prozent der von den Deutschen besiedelten Flächen sumpfigenCharakter besaßen, reiner Sumpf oder sandiger Boden waren ..." [Kurt Lück, Die Siedlungenim Cholmer und Lubliner Land, S.55]
Heute ist ein Teil der Fläche National Park. Seit 1990 besteht der Polesie Nationalpark "Poleski Park Narodowy", ein Gebiet nordwestlich von Urzulin und südlich von Wojciechow mit 9762 Hektar.
¤ Das Cholmer Land war von den ersten beiden Teilungen nicht betroffen und gehörte zu dieser Zeit zu Polen.
¤ Bei der 3. Teilung Polens 1795 besetzte Österreich Zentralpolen und damit auch das Cholmer Land.
¤ Ab 1809 gehörte es zum Herzogtum Warschau.
¤ Nach dem Wiener Kongreß 1815 fiel ein großer Teil Polens als autonomer Teil an Russland und erhielt die Bezeichnung Königreich Polen, auch Kongreßpolen genannt. Das Cholmer Land gehörte dazu und war bis zum 1. Weltkrieg unter russischer Oberherrschaft.
¤ Im Jahre 1864 hob der Zar Alexander II. in Kongreßpolen (im übrigen Russland schon 1861), die Leibeigen- schaft auf. Dies war sozusagen das Signal für die deutschen Siedler, ins Cholmer Land zu strömen. Kurt Lück nennt für das Jahr 1833 eine Anzahl von 717 Siedlern und für das Jahr 1868 bereits eine von 6.224 [Kurt Lück a.a.O., S. 2].
¤ Anfang Juli 1915, fast ein Jahr nach Ausbruch des 1. Weltkrieges, wurden die deutschen Siedler, obwohl sie inzwischen russische Staatsbürger waren, ins Innere Russland deportiert. Viele starben schon auf der Hinreise oder am Ankunftsort an Cholera oder Typhus, ebenso auf der Rückreise. Sie wurden in die Gebiete von Saratow an der Wolga, nach Ufa, Troizk, Orenburg, Samara und Kustanei sowie in weitere Orte Sibiriens gebracht. Die Männer im sogenannten wehrfähigen Alter wurden zur russischen Armee eingezogen. Nach Ende des Krieges durften sie wieder in das Cholmer Land zurückkehren. Einige jedoch erst 1922, wie Kantor Kitlitz aus Cycow, Kreis Chelm. Sein Erlebnisbericht von der Deportation, der etliche Seiten umfasst, liegt mir vor ( siehe auch mein Buch "Cholmer Land").
¤ Am 11. November 1918, am gleichen Tage als Deutschland und Frankreich einen Waffenstillstand vereinbarten, erklärte Polen seine Unabhängigkeit. Es entstand die Republik Polen, mit Pilsudski als Staatsoberhaupt. Alle erhielten die polnische Staatsangehörigkeit. Wer dies nicht wollte, zog ins "Reich" oder wanderte nach Übersee aus.
¤ Am 1. September 1939 marschierten deutsche Truppen in Polen ein. Das Dorf Kulczyn im Kreis Wlodawa erreichten sie am 18. September 1939. Zuvor waren schon russische Truppen durch den Ort gezogen.
¤ Im Herbst 1940 mussten die deutschen Siedler das Cholmer Land verlassen. Durch die Aktion "Heim ins Reich" wurden rund 32.000 Menschen in den Warthegau umgesiedelt. In den damaligen Zeitungen konnte man von einem Tausch - Polen aus dem Warthegau ins Cholmer Land und Deutsche in den Warthegau - lesen. So in der National-Zeitung Essen vom 15.9.1940, der Warschauer Zeitung vom 7.9.1940 und in "Neues Bauerntum" Heft 9 vom September 1940. Beide mussten gehen, ob hier das Wort Tausch angebracht war ?
[aus " Der Heimatbote" Kiel-Holtenau - 1965]
Die Siedler kamen meistens aus der Gegend um Babiak, Dabie, Gostynien, Kolo, Lipno, Sompolno und Warschau. Sie rodeten Wälder und entwässerten Land um kargen Ackerboden zu gewinnen. Die typischen Holzhäuser mit ihren Strohdächern wurden gebaut. Ebenso Kirchen, Bethäuser und Schulen, so daß auch das religiöse und schulische Leben fortgeführt werden konnte. Es entstanden viele Siedlungen, in denen nach 1918 noch überwiegend deutsche Siedler ansässig waren.
Sie lebten fast ausschließlich von der Landwirtschaft, von dem, was der Boden und das Vieh erbrachten. In erster Linie waren sie Selbstversorger, nicht nur was das tägliche Brot betraf. Auch Lück schreibt "... zeichnet sich der Kolonist durch eine vielseitige Geschicklichkeit aus, wie man sie selten bei einem Landwirt in Deutschland findet." [Kurt Lück a.a.O., S.113]. In jedem Haus wurde Sauerteigbrot gebacken, Butter im Holzfass gestampft und Schinken geräuchert. Die Küche war einfach und auf dem Speiseplan standen oft:
o Fuscher - eine Speise aus Mehl und Kartoffel, die mit gebratenem Bauchfleisch und Sahne verfeinert wird; dazu ein Glas Voll- oder Buttermilch.
o Piroggen - Teigtaschen gefüllt mit Sauerkraut und gebratenem Speck, mit Schichtkäse oder mit Heidelbeeren bzw. Kirschen in heißem Wasser gegart. Je nach Wunsch zusätzlich in der Pfanne mit etwas Öl gebraten.
o Gruschkensuppe - (abgeleitet vom polnischen Wort für Birne = Gruszka) eine Obstsuppe für die Trockenobst und Kochfleisch verwendet wurde; insbesondere kleine wildwachsende Birnen. Angereichert wurde sie mit kleinen Mehlklößen.
Die Höfe waren eher als klein zu bezeichnen, oftmals bedingt durch Erbteilungen. Einzelne Siedler hatten zudem eine Windmühle, mit der das Korn gemahlen wurde oder eine Schmiede. Manche arbeiteten zusätzlich als Zimmermann und Brettschneider und sägten ganze Stämme von Hand (!) zu Bretter oder schlugen mit der Axt Balken daraus.
In den Dreißigern hatte der Dreschflegel ausgedient und viele Pferde mußten nicht mehr ständig im Kreis laufen, um den Göpel (polnisch = Kierat) bzw. die Dreschmaschine anzutreiben. Es gab dann vereinzelt Dieselmotoren die den "Dreschkasten" laufen ließen. Elektrischen Strom gab es in vielen Siedlungen bis zur Umsiedlung 1940 nicht. Das Wasser wurde aus dem Brunnen geschöpft, der auf jedem Hof zu finden war.
Die ärztliche Versorgung war für viele Siedler kaum erschwinglich. Es wurden daher häufig Kräuter und andere "Heilmittel", die die klassische Medizin nicht kennt, angewandt. Oft mit Erfolg, doch manchmal war der Knochenbruch für immer sichtbar.
Die Siedler sprachen neben dem Hochdeutschen In einigen Dörfern einen niederdeutschen Dialekt, häufig Pommersches oder Weichsel- Platt. "Botte, Mutte, de singers koame " Schwäbisch war nur vereinzelt zu hören. Jedoch prägte sich bald für alle Siedler das unschöne Wort "Schwaby". In ihren sogenannten Kantoratsschulen wurde bis zum 1. Weltkrieg in deutscher Sprache unterrichtet. Erst 1897 wurde verfügt, daß der überwiegende Teil des Unterrichts in russischer Sprache zu erfolgen hat. Nach dem 1. Weltkrieg lernten alle Schulkinder die polnische Sprache. Deutsch wurde weiterhin im privaten und kirchlichen Bereich gesprochen, wie zum Beispiel beim wöchentlichen Konfirmandenunterricht.
Die Siedler gehörten überwiegend der Evangelisch - Augsburgischen Kirche an und waren fleißige Kirchgänger. Gottesdienst wurde von den Kantoren in den Bethäusern vor Ort abgehalten. Selten kamen die Pastoren dort hin. Zur Kirche in Chelm-Kamien, Cycow oder Lublin fuhren die Menschen meist nur zur Trauung. So fuhr das Brautpaar Pacholke-Moser am 23.6.1939 mit dem Pferdewagen, dem damaligen Verkehrsmittel Nr. 1, von Kulczyn zur Trauung nach Cycow in die Kirche.
Kirche in Cycow Aufnahme 193x
Brautpaar Pacholke-Moser auf dem Weg von/nach Cycow Aufnahme 23.6.1939
Kirchengemeinden der Evangelisch - Augsburgischen Kirche gab es In:
¤ Lublin seit 1784 ¤ Chelm-Kamien ab 1876 ¤ Cycow ab 1925
Die Menschen trafen sich bei den Gottesdiensten, den Proben zum Posaunenchor, den Hochzeiten, den Beerdigungen, den Missionsfesten oder den "Federabenden", die in manchen Dörfern eine Institution waren. Zu den "Federabenden" kam man in einem Haus zusammen, um von den Federkielen die Daunen abzustreifen. Dazu sang man im Chor und erzählte Geschichten. Nach getaner Arbeit vergnügte man sich bei Musik und einem Tänzchen. Zu den Märkten in Chelm, Sawin, Wereszczyn und Wlodawa fuhr niemand allein. Dort sah man zudem Verwandte und Bekannte aus den Nachbarorten.
Von all dem zeugen immer weniger Spuren; der Wind hat sie verweht. Viele Häuser der deutschen Siedler sind zerfallen, andere wurden beseitigt oder komplett umgebaut. Die Windmühlen, von denen es in manchen Orten mehrere gab, sind verschwunden wie auch die Bethäuser. Die Inschriften auf den Grabsteinen sind verblasst und verwaschen, die Friedhöfe wuchern zu und sind als solche oft gar nicht mehr zu erkennen. Und von den Polen, die sich an die Deutschen erinnern können, leben nicht mehr viele. In Wytyczno fanden wir noch eine ältere Frau, 1919 geboren, die mit uns durch den Ort fuhr und zeigte, wer wo wohnte. "Dort war Manthey, dort Gizel, drüben Neimann (Neumann) und Jeske, ja der wohnte dahinten am Waldrand ..."